Freischwimmer

Wie ich so munter das laufende Jahr desorientiert versuchte zu verplanen, da fiel ER mir beim Aufräumen meines Schreibtisches doch tatsächlich in die Hände – mein Jugendschwimmpass!

Nanu, wo kommt der denn her?

Während ich das mitgenommene, blaue Faltblatt so begutachtete, musste ich leise glucksen. Wie es auf den einzelnen, mit Eselsohren versehenen Seiten und mit meinen krakeligen Kinderunterschriften aus lila Tinte gespickt ist, da beamte es mich sofort zurück auf dem Zeitstrahl – back to my childhood and welcome to the 90s. Freischwimmer…

Ich hab tatsächlich nen Freischwimmer, wie ulkig. Aber warum nennt man das überhaupt Freischwimmer? Das ist doch irgendwie völliger Quatsch. Und wieso haben die meisten Menschen (inklusive meiner Wenigkeit) zwar einen, ganz brav auf Papier quittiert, können aber in vielerlei Hinsicht mal überhaupt gar nicht frei schwimmen und schon gar nicht im alltäglichen Leben?

Highscore lebenslänglich und ohne Bewährung

Ich dachte auch irgendwie immer, als ich meinen Freischwimmer in Kindertagen ergattert hatte, dass dieser mich dann durchs weitere Leben trägt, eben über Wasser hält. Ganz nach dem Motto: wer hat, der hat – wer kann, der kann! So wurde es mir zumindest irgendwie suggeriert als ich damals zum ersten Mal zu Wasser gelassen wurde, um nach dem Seepferdchen die nächste Plakette im Highscore-Ranking und Bewertungswahn der Gesellschaft zu ergattern.

Man bewertete und kategorisierte nicht nur diese liebste und eigentlich so unbeschwerte Kindheitsbeschäftigung auf einmal numerisch, sondern attestierte mir auf diesem Wege, dass ich nun frei schwimmen könne, aber irgendwie war das in meinen Augen auch mehr Schein als Sein.

Es hieß zwar Frischwimmer, dennoch ging es dabei recht „unfrei“ zu. Ich musste, durfte, sollte letztlich nach einem Kopfsprung ins Wasser bitte ganz genau 200m in maximal 15 Minuten zurücklegen, 2m tief tauchen von der Wasseroberfläche aus und einen Gegenstand heraufholen, sowie einen Sprung aus 1 m Höhe absolvieren.

Na Mensch, zum Glück hat das Bronzeabzeichen nur den Beinamen Freischwimmer, denn so wirklich frei schwimmen beinhaltete es ja nun tatsächlich nicht und ob man diese Leistung wahrhaftig mit Bronze verzieren musste, da bin ich mir auch nicht ganz so sicher.

Trotz Freischwimmer nur Seepferdchen oder wohl eher Seegurke

Ich fühle mich auch heute ehrlich gesagt nicht so wirklich als hätte ich ihn, also meinen Freischwimmer. Größtenteils frei geschwommen habe ich mich zwar irgendwie mühevoll Mitte meiner 20er (das jedoch auch eher mit Axt und Hackebeil, als mit Rhythmischer Sportgymnastik), aber frei schwimmen, das kann ich im emotionalen Haifischbecken dieser Welt immer noch nicht so richtig. Ich kann es einfach noch nicht immer und schon gar nicht immer alleine.

Regelmäßig saufe ich ab mit meinem eigenen kleinen bis mittelschweren Ballast im Betonschuh-Look. Und das nur, weil ich oftmals glaube ihn alleine tragen zu können oder aber zwangsläufig alleine tragen zu müssen, wenn die Besten der besten Freunde tatsächlich mal nicht im Lande der Verfügbarkeit sind.

Die Sage der Bedingungslosigkeit

Und in solchen Momenten, da denke ich mir, wie oft wird bitte dick und fett von den Bekannten und Bekanntschaften mit Gold und Glitter proklamiert „ich bin IMMER für dich da!“. Aber das Kleingedruckte der Oberflächlichkeit, das lässt sich in der mündlichen Fassung oft ohne das Gedankenlese-Monokel nicht entziffern.

Denn das „ich bin IMMER für dich da“ ist nicht selten unweigerlich kodiert und an Bedingungen geknüpft wie der beste Knebelvetrag. Wenn es denn dann auch noch von den Schaumschlägern der Gesellschaft kommt, heißt es eigentlich nur so viel wie „ich bin IMMER für dich da, ABER…“.

Deren Schaumschläger-Phrasenschwein lechzt nämlich anscheinend nicht nur nach Aufmerksamkeit, sondern auch nach feinstem Futter in Form von:

„Aber nur, wenn es so und so spät oder früh ist, da ich meinen Mittagschlaf halten muss“,

„Aber nur, wenn Du nicht den Namen X erwähnst, denn der klingt so komisch in meinen Ohren…“,

„Aber nur, wenn Du Dich beruhigt hast und bitte so redest wie ich es möchte, Du die Sache weniger impulsiv betrachtest und bitteschön vorbildlich reflektierst, während ich mir noch ne Valium einschmeiße…“,

„Aber nur, wenn es in der Hölle schneit, meine Probleme mal nichtiger sind als Deine, ich nicht gerade in der Nase bohren muss oder nen Furz quer hängen habe und wirklich NUR, wenn ich Lust dazu habe, mein Wohl explizit vor Deinem steht und ich auch emotional involviert bin, sonst bitte nicht, denn ich hab noch viel zu tun, atmen und blinzeln nämlich…“.

Aber, aber, aber…

Die Rockstars unter den Rettungsankern: Lieblingsmenschen

Und dann, dann zwischen den ganzen Aber-Menschen, die mich nicht mal sehen, nicht wirklich MICH sehen, auch wenn ich direkt vor ihnen stehe, da sind sie: die Lieblingsmenschen und Zauberkinder – die Rockstars meiner kleinen Welt.

Meine Rettungsringe und Schwimmnudeln (weder die um den Bauch noch die auf dem Teller), genau die, die mich gewissenhaft über Wasser halten, mich nicht in ‚Abers‘ und ‚Wenns‘ ersaufen lassen. Diejenigen, dich MICH sehen, ganz ohne Humormaske, klein, still, hilflos, verletzlich – menschlich. Die, die dann dafür sorgen, dass ich, wenn ich einfach nur ich bin, ins Trockene komme und emotional manchmal trocken werde. Sie sind die Kuscheldecken und der warme Kakao meines Lebens.

Sie schmecken prima, tun so unendlich gut und machen trotzdem nicht dick, wenn auch süchtig. Sie haben das Gefühl für mich und meine Art, meine Träume und Wünsche, treffen stets den richtigen Ton und die Melodie der Situation, obwohl sie eigentlich keine Noten lesen können und schon gar nicht meine krakelige Chaosschrift. Und selbst dann und wenn sie mal klangvoll daneben hauen, dann zieren sie die Diskrepanz nicht mit einer Sahnehaube aus Gleichgültigkeit oder Trotz, sondern legen alles daran, dass nach heißen Diskussionen und hitzigen Worten wieder Frieden im Paradies herrscht und dass das Eis wieder schmilzt, weil es eben das ist was zählt.

Ihr eigenen Bedürfnisse lassen sie auch mal am Beckenrand stehen und schwimmen dann Hand in Hand mit mir durch meinen ganz eigenen Mist, der mir ganz oft bis zum Halse steht. Das ist es, was mich frei schwimmen lässt. Mit ihnen kann man sich freischwimmen und jeder Freischwimmer wird durch sie als solcher erst richtig frei, schwimmt oben auf, auch ohne blauen Schein.

Und das alles sind Freunde, Familie und ein jeder, der einem die imaginären Schwimmflügel aufpustet, ohne Murren und Kritik am Schwimmstil des Lebens. Sie haben genau das Quäntchen liebevolle Empathie, was viele so gerne hätten, aber letztlich nur vortäuschen es zu haben.

Das Emotions-Los – die Niete unter den Gefühlslegasthenikern, die emotionslos macht

Emotionales Feingefühl ist glaube ich eine manchmal sehr spärlich gesäte Sozialkompetenz, die oft so gehandelt wird wie die Mona Lisa: nämlich gar nicht. Natürlich sind nicht alle ohne soziale Kompetenz unterwegs, haben aber wenn, dann meistens nur das Empathie-Seepferdchen, mit dem sie dann auch noch nicht gerade protzen.

Generell ist das ja auch nicht verwerflich, jedoch irgendwie gefällt mir manchmal die konsequente Lethargie dessen und sich selbst gegenüber nicht.

Das Auto soll gerne dicker sein als das des Nachbarn; die Noten viel besser als die der Kommilitonen und der Job sowieso glorreicher als der der anderen. Nur wenn es dann tatsächlich um sich selbst geht, ganz nach dem Motto „Nu aber mal Budder bei die Fische!“, da wird dann irgendwie krakeelt, gejammert in den höchsten Tönen und mal gar nichts angepackt.

Letztlich wird nur der fette Schweinehund aufm Sofa mit nem Löffel dicken Selbstzweifels gefüttert bis er so faul und träge ist, dass er nicht mal mehr nach einem schnappen kann. Man selbst ist kein wirklich guter und auch kein wirklich schlechter Mensch, nicht Fisch nicht Fleisch, aber nach höherem Streben, Fehlanzeige – lieber schön an der Leine des Kommerzes trotten und stets im Mittelfeld des Standards dribbeln, bloß nicht auffallen, denn aufs Ziel zuzustürmen wäre schließlich viel zu anstrengend.

Lieber viel Reden und nix tun, nicht dass das Wohlstandskorsett im Hirn noch enger geschnallt werden muss, das wäre ja ein Graus!

Gesucht wird: Freigeist; der (gez. Die Ghostbusters)

Wo sind die leidenschaftlichen Freigeister, deren höchstes Bestreben es ist sich weiterzuentwickeln durch andere oder mit ihnen?

Wo sind denn nun die ganzen Freischwimmer geblieben, die richtigen Freundschafts-Freischwimmer, Impulsgeber, Weltverbesserer und Idealisten – Individualisten?

Die Verfechter des großen Pathos und des Freundschaftskodex – die, die die eigene Schwimmweste sind, wenn einem das Wasser bis zum Halse steht?

Genau die, die sich stoisch diese eine Geschichte in der ätzendsten Repeat-Monotonie-Version und im jämmerlichen Selbstmitleid-Remix anhören, als wäre es ein Nummer-eins-Hit und das dann auch noch alles solange, bis er einfach irgendwann für den Betroffenen verblasst und sie den Text auswendig können.

Exakt die, die das Ganze dann auch Jahrzehnte später bei der Goldenen Hochzeit NICHT beschwingt und latent gereizt mit einem Augenrollen auspacken.

Gehe ich als einzige nach einem Streit schlaflos ins Bett und wälze mich und meine harmoniesüchtigen Gedanken durch die Nacht bis zum Morgengrauen?

Bin ich die einzige, die es kratzt, wenn Dinge nicht thematisiert, sondern mit vollem Munde totgeschwiegen und runtergeschluckt werden oder man lieber daran erstickt, bevor man den Kummer ausspuckt?

Killen mich als einzige die oberflächlichen Grinsekatzen und das leblose Fassadenspiel der Menschheit, das bei mir nur Brechreiz anstelle von Euphorie auslöst?

Und bin ich allein mit meinem Walt-Disney-Ideal, dass Liebe und Freundschaft, Vertrauen und Zuneigung keine Wegwerfartikel sind, die man sich mal eben im Vorbeigehen im Kaugummiautomaten ziehen kann, so unterhaltsam und erschwinglich, mit aber genauso geringem und kurzfristigem Geschmacksgenuss?

Lasst uns in Seestechen auch ohne Seepferdchen und Haltbarkeitsdatum

Nein, ich glaube entschieden, dass es nicht so ist, denn wie es Alexa Feser so wunderbar auf den Punkt bringt: WIR sind hier!?

„Hochgelobt und tief gefallen, so oft zum Clown gemacht.
Aber niemals aufgegeben, jeden Zweifel weggelacht.
Gegen unsichtbare Feinde die Raketen aufgestellt.
Und wir tanzen unerschrocken über jedes Minenfeld.
Wir hissen Fahnen, schreiben Lieder, schicken Menschen auf den Mond.
Tragen Narben, die beweisen, dass sich Kämpfen manchmal lohnt.
Sind wie Boxer, die beim Laufen, ihren eig’nen Schatten schlagen.
Visionäre die die Wahrheit, so wie eine Fackel tragen.

Der eine liebt die falsche, denn sie liebt ihn nicht zurück.
Das Glück nicht mehr zu suchen, ist für manche schon das Glück.
Wir schreiben Bücher mit Geschichten, die wir niemals selbst erleben.
Werden in der Nacht zum Wrack, das wir morgen wieder heben.

Wir sind wie Kreidebilder, auf der Straße vor dem Regen.
Und was für Gott eine Sekunde, ist für uns ein ganzes Leben.
Es gibt keine Garantie, auf einen nächsten Tag mit dir,

Aber wir,
wir sind hier,
wir sind hier,
wir sind hier.

Wir werfen Anker aus ’nem Rohr, halten uns an niemand fest.
Und vielleicht ist dieses Leben, ja tatsächlich nur ein Fest.
Es gibt Millionen Unterschiede, zwischen dir und mir,

Aber wir,
wir sind hier.“

Also solange wir hier und vor allem Herr in unserem eigenen Sein sind, uns nicht durch die Miesepeter und Miesepetras unser Siegeslächeln nehmen lassen, auch wenn es so unendlich viele Kotzköppe da draußen gibt, solange kann uns niemand was. Auch wenn diese Klopskotzköppe uns versuchen ein Bein zu stellen während wir lebenshungrig und tollkühn mit Blumen im Haar auf Festivals tanzen oder sie uns mit Zweifel und Missmut beschmeißen, wenn wir gerade die Hände voll haben, weil wir vor Glück die Welt umarmen, solange wir uns und das Leben einfach feiern und genießen mit unseren ganz eigenen Rettungsringen und Schwimmflügeln aus Lieblingsmenschen, da werden sie uns niemals unterkriegen, niemals untergluggern in ihrem trüben Emotions-Haifischbecken.
In diesem Sinne:
Lasst den ollen Freischwimmer, Freischwimmer sein und schwimmt gemeinsam, Hand in Hand durch den Ozean ‚Welt‘ und erobert ihn, ob nun mit goldener Plakette um den Hals oder nicht – denn nicht nur fett schwimmt oben, sondern dicke Freundschafen und monströse Liebe schwimmen noch viel besser und das nicht nur an der Oberfläche!
Ahoi Matrosen, wir stechen in See, wir schwimmen uns frei und das nicht allein, sondern mindestens zu zweit!

  2 comments for “Freischwimmer

  1. April 1, 2015 at 7:24 am

    Super Artikel! Liebe Grüße

    • Janine
      Mai 20, 2015 at 7:03 pm

      Wenn auch viel zu spät: vielen Dank für das nette Lob und liebe Grüße zurück – habe mich sehr über den Kommentar gefreut! :-)

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Visit Us On Facebook