Das bunte Grau der Nacht


„Nachts sind alle Katzen grau“

Wie sehr ich dieses Sprichwort liebe…So schnörkellos, so pur, so passend. Auch wenn meine Nächte manchmal bunt durchtanzt, wild durchdacht oder gedanklich schwer sind, dennoch liegen sie auf mir ganz leicht, wie ein Sommerkleid auf den Schultern. Für mich sind die Katzen meiner Nächte auf Samtpfoten unterwegs und dabei in feinstes Grau gehüllt. Sie sind tatsächlich auf einmal alle gleich, obwohl am Tag doch so verschieden.

Selbst wenn die Gedanken manchmal bleiern über mir kreisen, so sind sie niemals so klar wie in der Nacht. Ich liebe den Deckmantel der Stille, die Lichter in der Dunkelheit, wenn alles um mich herum langsam verstummt und der Suff der Stadt glücklich beseelt unter dem Sternenzelt nach Hause torkelt – am besten barfuß. Und ich mitten drin: Wach im Kopf, elektrisiert, ohne Schuhwerk, ohne Ballast.

Dann, wenn die Heiterkeit in Reinform eskaliert, die Streits des Abends ihren Höhepunkt erreichen und das Gestern vom Heute lautlos abgelöst wird, alles wieder auf Null gesetzt wird. Wenn dann der Tag von neuem beginnt, obwohl der letzte noch nicht verabschiedet ist, sich beide nicht voneinander zu trennen vermögen und man ihnen dabei zusehen kann, zusehen darf, dann entfacht der wahre Zauber als Zuschauer in der ersten Reihe, ganz ohne Popcorn. Alles ist so echt und trotzdem unwirklich.

Nichts lenkt ab von den Bildern des Tages, Gefühle sind laut und Gedanken wirklich, während alles Rationale leise verstummt. Nur in der Dunkelheit lässt sich der Kontrast zum Licht und den Lichtern wahrhaftig spüren und die Sonne wird sehnsüchtig vermisst. Nur dann leuchten die Fenster der Stadt wirklich hell, lassen die Silhouetten dahinter scharfe Umrisse zeichnen, in der Dämmerung wird der einsame Fremde plötzlich irgendwie auffällig, besonders, interessant. Obgleich er am Tage in der Masse wohl kaum Beachtung gefunden hätte und dennoch streift er das eigene Leben schemenhaft als Schatten.

Auf dem Nachhauseweg sorgt die streunende Katze mit einem Satz vor die Füße für rauschendes Adrenalin, obwohl der Rechner eigentlich schon im Schlummermodus scheint. Das Knarren der Tür und das Knarzen des Dielenbodens werden auf einmal zum Donnergrollen, das die eigenen Füße zum Schleichen verführt. Auch wenn die Augen nicht alles mitschneiden können, jeder Reiz sorgt für einen Synapsentanz deluxe und nur der Disko-Tinnitus hüllt die Stille der Wohnung irgendwie in Zweisamkeit, ist der Abspann des Abends ganz ohne Text, aber mit Melodie.

Ob allein oder von Gesellschaft beseelt, unter der Decke dieses Schattenspiels werden seicht getränkt in feinstem Fusel meist die dümmsten und gleichzeitig schönsten Gedanken geboren. Vor allem sind es aber immer die ehrlichsten Spaziergänge durch die Hirnwindungen. Die, die keine Masken kennen, nur erkennt dann häufig niemand ihnen gegenüber die Vaterschaft an.

Ich liebe diesen charmanten Schleier der Nacht, seine graue Katzenarmee und den Moment, wenn dann plötzlich alles von Totenstille erschlagen wird und das Ende des Tages wie ein guter Freund seine Arme um mich schlingt, um mich liebevoll in den Schlaf zu wiegen, ganz leise, ganz sanft – einfach perfekt. Dieses satte Grau der Nacht ist doch irgendwie immer ein bisschen bunt und immer ein bisschen laut…

 

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